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Geschichten/Erzählungen (Kurzweiliges und Auszüge)

Seite noch im Aufbau ...Bis dahin ...


Unten ist wie oben

Ich stieg hinab aber da war nichts, also ging ich wieder hinauf. Ich hielt kurz inne, blickte auf die Uhr, eine fast unbewusste Geste, mir Zeit und Raum versichernd.Wie? Nichts? Da unten musste doch etwas sein. Irgend etwas. Ein Fundament mindestens. Eine Grund. Ein Boden. Aber Nichts? Gar Nichts? Und so stieg ich wieder hinab. Und da war immer noch nichts.

Ich stand da und blickte mich um und lauschte in die Stille und spitzte alle Sinne und suchte nach etwas, was ich dem Nichts entgegensetzen konnte. Aber da war wirklich nur und vor Allem nichts. Wirklich? Kann nichts wirklich sein?Ist nicht das Wirken dem Etwas vorbehalten? Bin ich wirklich? Bin ich noch wirklich, wenn ich im Nichts bin? So stand ich da aber stand ich? Kein Boden, kein Horizont, kein Himmel, keine Sonne. Stand ich? Lag ich? War es möglich, dass beides gleichzeitig wahr war? Wer nahm die Perspektive ein, dies zu beurteilen, wenn nicht ich? So blickte ich an mir hinab, aber da war nichts. Vielleicht blickte ich an mir hinauf, vielleicht an mir vorbei, vielleicht durch mich hindurch? War es überhaupt möglich, ohne Referenz zu sein. Ist ein Sein im Nichts denkbar? Bin ich möglich? Cogito ergo sum- Verzweifelt klammere ich mich an meine Gedanken, doch die Gedanken verzweifeln ihrerseits. Muss ich das Nichts als den Grund annehmen? Die Schwierigkeit, ein Ich aufrechtzuhalten, wenn das Bezugssystem fehlt, wird einem ja immer erst bewusst, wenn man in die Situation kommt, dass nichts mehr da ist.  


Da steht ,sitzt, liegt oder was auch immer man dann und denkt sich immer weniger und irrt durch sich und spürt Erinnerungen nach. Und so verlor ich mich in mir und es wurde still.  

Erst war es ein Rauschen. Kammerflimmern. Punktsalat. Quantenschaum. Interferenzschleifen im Chaos. Eine Unentschiedenheit zwischen Sein und Nichtsein. Unser Gehirn ist ein Computer. Der Genotyp ist Blockchain Technology. Jede Schnittstelle kennt nur an oder aus. Kennt nur eine einzige Information und reitet auf der Welle. Wahr-nehmung und Wirk-lichkeit bezieht sich nicht auf das Sein. Lediglich auf die Veränderung von Information. Am Anfang war nur Logos. Es braucht nicht mehr, als zwei willkürlich gewählte Koordinaten unterschiedlich zu bewerten und der Anfang von allem ist gemacht. Und ich sprach, es werde Licht und es wurde Licht. Ich folgte den Punkten und machte sie damit zu Linien und zwischen den Linien entstand Raum. Und in dem Raum begann das Spiel der Möglichkeiten. Und in einer Welt, die nur aus Schaltern besteht, die nur aus und an kennen, definiert sich jede Möglichkeit nur über ihren Gegensatz.Und so stellte ich der Dunkelheit das Licht gegenüber und spiegelte es und spiegelte es und leuchtete alles aus bis es mir wieder und wieder die Dunkelheit zeigte. Und ich zog mit flammendem Wagen. Folgte der Sonne, dem Mond und den Sternen. Ging und verging. Ein Pendel in die Ewigkeit gehängt. Und beobachte  platonische Körper in lustvollem Rausch alterierender Selbstreferenzialität, Kreistänze, Jungfrauenopfer und Orgie. Und Knochenketten erinnern mich an meine Ahnen. Und das Totem leitet mich durch meine Träume.  

Und der Wolf heult, die Ameisen schützen den Staat und das Blatt im Herbst im Wind folgt der Bahn, die der Schmetterling im ersten Frühlingstaumel hinterließ. Ich baute Pyramiden aus Steinen, aus Menschen und aus Bedeutung. Und jede Stufe brachte mich  den Anunna näher, jedes Labyrinth  bot mir Beischlaf mit Isis, mit Leda, mit Abraxas. Jeder Zirkelschluss machte mich zu Sisyphos, aus jeder Schlange machte ich einen Knoten, jeder Schlusstein bedeutete meinen Tod und machte mich frei.  

Die Grashalme wiegen sich, Bakterien teilen sich, die Pole  meiden sich, die Glut erlischt und dann hört es auf zu regnen. Der Hahn kräht. Eine Kutsche zieht vorbei und der Kutscher zieht den Hut. Meine Großmutter hat Kirschkuchen gebacken und beiläufig aus dem Fenster auf's Wasser geblickt. Großvater ist im Fischteich ertrunken. Saigon heißt heute Ho-Chi-Minh-Stadt und hat das Gesicht verändert und ist ungefähr 9661 km Luftlinie von Anchorage entfernt. Das ist gut zu wissen, wenn ich von dem einen Ort zu dem Anderen reisen möchte. Immer wieder zitieren wir das Alte Testament, Geschichten aus Tausendundeine Nacht oder Das Lied von Eis und Feuer. Morgen könnte sich alles ändern.

Und ich entspringe der Muschel, schaumgeboren und vereint. Und ich sehe die Welt im Spiegel und ich sehe dich im Spiegel. Und so Du diese Zeilen liest, wirst du Teil meiner Wirklichkeit. Die nichts ist. Wie ich. Hast du jemals etwas außerhalb von dir selbst wahrgenommen? Und so gingst du wieder hinauf und vergaßt, dass nichts gewesen war.



Realitäten

„Dies ist unsere Forschungsabteilung. Hier werden alle statistischen Daten der letzten Jahrzehnte systematisch eingepflegt und Subprogramme geschrieben, welche das Individualitätsempfinden stärken sollen. Alle Nutzer erhalten einen Key-Code, der die Welt auf ihr persönliches Wohlbefinden abstimmt, indem er aus Datenbanken mit unzähligen Programmroutinen ein nutzerspezifisches Anwendungsmuster herausliest. Wir benutzen Advanced Honey Encryption II – Die Sicherheit unserer Nutzer hat Priorität. Obwohl alle Teilnehmer eines Servertrakts auf die selbe Engine zugreifen und das Gerüst im Hintergrund für alle erhalten bleibt, erlebt jeder doch seinen eigenen geschützten virtuellen Raum. Jeder Nutzer hat seine eigene Wahrheit, seine eigenen Informationshorizont, seine eigene Sensibilität für jegliche Interaktion. Derzeit arbeiten wir an dem Filtern von Superwahrheiten, um ähnliche Nutzeransprüche an kollektive Erlebniscluster auf verschiedene Servertrakte zu verteilen...“

Er verstand nur die Hälfte von dem, was K8ss8ndra, die Public Relations Drohne von My#Mindset ihm auf ihrem Rundgang erklärte. Aber mit der beängstigenden Vorstellung, künstliche Intelligenzen würden das menschliche Bewusstsein in virtuellen Räumen gefangen halten und ihre Körper als Energiezellen ausbeuten, wie es seinerzeit in dem Film Matrix düster prophezeit worden war, schien dieser lichte Komplex mit seiner Nutzerfreundlichkeit und Unternehmenstransparenz nicht viel zu tun zu haben. Es ging um nicht mehr und nicht weniger, als um die Schaffung von virtuellen Räumen als Erweiterung des Lebensraumes. Auf einem Planeten, der längst nicht mehr genug Platz und Gestaltungsspielraum für seine Bewohner bereit hielt, stellt virtuelle Realität kein Gefängnis dar, sie wird auch nicht mehr als abgründiger Eskapismus wahrgenommen - Virtuelle Realität steht vielmehr für entgrenzte Mobilität und Wahrnehmung, für globalen Austausch und Informationsspeicher, für die Befreiung des Geistes von Raum und Zeit. Bei My#Mindset lief alles zusammen. Der Konzern hatte innerhalb weniger Jahre alle konkurrierenden Anbieter virtuellen Lebens aufgekauft und bereits dreizehn Milliarden Nutzer, obwohl sich die Hauptplattform noch in der Beta-phase befand. Der Konzern versprach jedem Nutzer die vollständige Kontrolle über die eigene Realität.

Sie erreichen schließlich eine Sicherheitsschleuse, welche den Forschungskomplex an die Labore anschließt. Lautlos gleiten mehrere schwer gepanzerte Türen auseinander und geben den Blick in eine riesige Halle frei, in der in schier endlosen Reihen kokonartige Liegezellen an regalartigen Schienensystemen aufgehängt sind. Alles wirkt sauber und aufgeräumt, die Verschalungen strahlen weiß und biolumineszente Wandverkleidungen tauchen die Halle in ein kühles, doch organisches Licht. Eine Zelle gleitet heran, öffnet sich und gibt ein komplexes Innenskelett frei. „Nur zu. Machen sie eine Probefahrt durch ihre persönliche Realität. Überzeugen sie sich von unserem Anspruch an absolute Immersion. Wir sind bereit, wenn Sie es sind.“

 Nachdem Sensoren, Druckkammer und Optik am Körper kalibriert worden sind, schließt sich die Kapsel um ihn und die Außenwelt ist von einen auf den nächsten Moment verschwunden. Ein kurzes schmerzloses Zucken geht durch seinen Körper und dann ist es, als hätte jemand das Licht angemacht.

Er befindet sich im Garten seiner Großeltern, im Nachbarhaus hört er Lisa Klavier üben und es riecht vertraut nach Hühnern. Die Bienen summen, die Mühle klappert am rauschenden Bach und die Kartoffeln leuchten an den Bäumen. … die Kartoffeln leuchten an den Bäumen? „Das ist sehr beeindruckend aber hier stimmt etwas nicht.“

„Kartoffel Bug. Design Fehler. Die Kids aus der Grafikabteilung wussten nicht, dass Kartoffeln früher unter der Erde wuchsen. Wir arbeiten daran. Momentan werden alle Modelle mit Bild- und Videodatenbanken abgeglichen. Schon bald werden Sie nicht mehr unterscheiden können, in welcher Welt Sie sich befinden.“

Erinnerungen an seine Großeltern, Mit dem Shuttle durch Berlin, wie es vor dem großen Sturm aussah, ein Leben auf der Insel oder auf dem Mond oder unter Wasser. Als er schließlich seine virtuelle Zelle verlässt und von K8ss8ndra nach draußen begleitet wird, ist er sehr nachdenklich und wie aus der Ferne klingen die endlosen Hinweise und Erläuterungen der Drohne. Das Erlebte hat ihn beeindruckt. So nah der Realität- und doch so fern. Eine Welt aus Polygonen und Reizstromstimulation. Alles ist möglich. Alles Fake.

Er steht vor dem Hauptgebäude von My#Mindset und atmet tief durch. Am Himmel ziehen sich rotgelbe Wolkenbänder durch den Abendhimmel, Schwalben ziehen ihre Bahnen, Kinder belagern einen Eisroboter. Sollen sie doch alle in ihre virtuellen Welten ziehen. So bleibt ihm am Ende mehr von der Realität. Und lächelnd läuft er hinüber zu den Shuttles, zurück in die Welt aus der er kam. Über ihm leuchten die Kartoffeln an den Bäumen.


Kadaverstrand ( Anfang der 'Inselnovelle')

Büchsenfleisch. Drei Dosen. Aber kein Öffner. Vielleicht in einer der anderen Schubladen.

Eigentlich ist das ganze Küchenzeug doch immer auf die gleiche Art und Weise in … ach scheiße…und der Laden hat zu und ich hock hier vor drei Dosen Büchsenfleisch und ein Taschenmesser kann ich auch nirgendwo finden. Im Notfall tut es ja auch `n Küchenmesser und ein paar gezielte Schläge mit dem Handballen. Als ich das das letzte Mal dachte, habe ich mir den halben Arm aufgeschlitzt. Das hat geblutet wie Sau. Blutwurst. Vielleicht heute einfach kein Fleisch und nur schlitzen. Er würde nach Hause kommen und ich würde halt so da liegen, das Innere nach außen in einer roten… ich sollte mit diesen Gedanken aufhören. Heute ist nicht der richtige Tag für Selbstmord. Doch. Eigentlich schon. Ich sollte es nicht immer auf Morgen verschieben. Es könnte so einfach sein. Aber mit nem Küchenmesser wäre ein asozialer Abgang. Dunga müsste bald zurück sein und hat heute bestimmt nicht noch Laune auf Küche putzen. Steht den ganzen Tag im Fischgedärm und dann kommt er nach Hause, freut sich auf eine saubere Küche und dann ich da, halt so, Suppe. Ich glaub, ich muss Kotzen. Schon wieder. Dabei ist das Fleisch noch in der Dose. Drei Dosen. Scheißescheißescheißescheißescheiße. Ob die anderen noch leben? Mal sehen. Una steht schon mal da, wo sie immer steht. Was frisst die eigentlich? Hat doch schon seit Jahren keinen Freier gesehen. Ato sitzt im Wasser, schreibt und wartet auf Kinder. Wer sollte die versorgen? Meine Dosen gehören mir. Sie machen mich zum König. Ich bin der mit dem Fleisch. Hör auf, an Essen zu denken. Ich werde nicht mehr an Essen denken. Ich glaub, ich muss kotzen. Oh da kommt Sonu. Hab ich mich gekämmt? Hab ich noch Haare auf dem Kopf? Ach, was heißt Haare, die Kotze der letzten Tage ist mir im Gesicht festgetrocknet. Dunga muss mich waschen.  Ich muss weg hier. Oh scheiße. Sie hat mich sicher gesehen. Hat sie mich gesehen? Fuck man, ja. Sie hat mich gesehen.

 

Immer wenn ich vorbeigehe, sitzt er da am Fenster und schaut lüstern zu mir herab dieser Widerling. Dunga wird das Fenster zumauern müssen. Kann doch nicht sein, dass König Han auf seinen  Dosen Büchsenfleisch sitzt, während wir unserer ehrbaren Arbeit nachgehen. Oder Una? Die hört mich natürlich nicht. Natürlich nicht. Wie sollte sie? Eigentlich bin ich ein Fisch. Also in mir drin ist alles Fisch. Mein Sternzeichen ist Hase. Eines Tages werde ich ins Wasser zurück gehen.  Fische können nicht sprechen. Dunga hat anderes behauptet, aber was weiß der schon? Mörder. Metzger. Fischetöter. Mist. Jetzt bin ich wütend. Ich werde jetzt in den Laden gehen und mir die Jacke doch kaufen. Doch was ist das? Der Laden ist zu. Es ist Sonntag. Was guckst du so, Una? Schlampe.

 

Manchmal glaube ich, sie möchte mit mir reden. Soll sie doch. Ich könnte Ihr sagen, dass der Laden seit dem Krieg geschlossen ist. Aber das würde sie wahrscheinlich traurig machen. Eigentlich will hier doch niemand wissen, dass wir im Sonntag leben. Und wäre es anders, wäre Han wohl kaum mehr unser König. Jeder könnte in den Laden gehen und eingemachte Wurst kaufen. Dann wäre Dunga König, oder Ato, nein, der ist zu sanftmütig. Dunga wäre ein guter König für uns. Dunga, der Killer vom Kadaverstrand. Ein mächtiger König, vor dem alle Angst hätten. Und ich wäre seine Gespielin. Jeden Sonntag läge ich auf seinem Silbertablett und brächte ihm meine Brüste dar. Himmel, wie sehne ich diesen König herbei.

Soll König Han doch seinem armseeligen Leben endlich ein Ende setzen. Wer nimmt uns schon ernst. Wenn die anderen da wären, würden sie über uns lachen. Euer König sitzt im Rollstuhl und sabbert, würden sie lachen. Und sie hätten keinen Respekt. Würden uns töten.

Dunga hat König Han im Krieg gerettet. Eigentlich war Han schon tot, aber Ato hat ihn wieder zusammen gebastelt. Ato hat heilende Hände. Die hat er noch von früher her, als er noch drüben lebte. Warum er zu uns gekommen ist, hat er nie erzählt. Und aus seinen Gedichten werde ich einfach nicht schlau. Wo hab ich doch den Zettel?

 

du bist kalmarin mir, nautiloid tastet dein kopf mir nach der seele, wischst den tang mir vom gesicht, irrst umher auf mir, wie auf dem rest der welt. wünschtest, ich sei dein putzerfisch, dein ganymed, die strömung deines zyklons, bin doch nur naschwerk, bacchanal am wegesrand, ein riff, du wartest auf die flut. daphne, kind, bist die, die botticelli nicht in seine muschel malte, da er den acheron zu bannen suchte. so übergroß und mächtig, acht arme, die da greifen und alles in die tiefe reißen. so ist es dir gegeben, kann ich mich nicht entziehen,

und wollte ich auch anders, könnt ich doch aus deinen fängen nie entfliehen.


Ananse  - (Anfang der 'Wüstennovelle')

Büchsenfleisch. Siebzehn Dosen. Lysander trug die Beute zu ihrem Vorrat welcher vor allem aus Reis, getrockneten Maniok und einer Kiste Kokosnüssen bestand. Er notierte den Fund. Bei aller Freude über die gewonnenen Proteinreserven, zweifelte er doch, dass ihr Proviant reichen würde, um die kommenden Wochen zu überstehen. Sie würden durch keine größeren Siedlungen kommen, bis sie am Wasser waren. Bis zum Niger waren es noch etwa dreihundert Kilometer und weitere achthundert würden sie auf dem Fluss zurücklegen, - sollten sie Glück haben und würden ein Schiff oder ein Floss auftreiben können. Und selbst, wenn sie es lebend nach Timbuktu schafften, hatten sie noch keinen Plan, wie sie die Station der Deutschen in der Wüste erreichen sollten. Das Fieber war letzte Nacht wiedergekommen und im Gesicht und auf den Händen zeichneten sich nun kleine violette Flecken ab. Er war sich nicht einmal sicher, dass er die nächste Woche überleben würde. Seit sie in Accra aufgebrochen waren, hatte der Tod sie überallhin begleitet. Tausende und Tausende waren gestorben. Sie lagen am Wegesrand, auf den Feldern, in den Dörfern. Sie hatten es schließlich aufgegeben, die leblosen Körper zu verbrennen. Lysander blickte aus dem zerbrochenen Fenster der Wellblechbaracke. Ein Windhose fegte über die Straße. Ein Wirbel aus Hitze und Sand. Dann schlug ihm das Fieber erneut hinter die Stirn und er erbrach sich.

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Sahara, baḥr bilā māʾ, das Meer ohne Wasser. Terra Deserta. Wüst und verlassen. Neun Millionen Quadratkilometer Steine, kleinere Steine und sehr kleine Steine welche im Sonnenlicht dampfen. Glühen. Schmelzen. Verschwimmen. Hitzeflimmern. 2016 hatte König Mohammed VI von Marokko den ersten Noor Solarkomplex eingeweiht. Mit Fertigstellung von Noor II, III und IV wurden zwanzig Millionen Haushalte mit Strom versorgt. Desertec, Sirius Corp. und Alef al -kubrá waren gefolgt und hatten europäische und arabische Anlagen in die Wüste gesetzt. 2052 bezogen über drei Milliarden Menschen ihre Energie aus der Sahara.

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Als er erwachte, fand er sich im Schatten eines großen Baobab Baumes. Neben ihm schnarchte König Ato, der wohl eingeschlafen war, während er über Lysander hatte wachen wollen...

 

Und Morgen werde ich Sterne sammeln

Es war einmal auf dem Erdbeerfeld.

Ich sammelte Erdbeeren in einen viel zu großen Plastikeimer, - immer eine in den Eimer, eine in mich. So wuchs ich, wurde größer und der Eimer kleiner. Dieser einfachen und wohl jedem verständlichen Regel folgend, vor mich hin meditierend, die Transzendenz roter Früchte in mich aufsaugend, mit allen Sinnen Fruchtsammler, unter sengender Sonne in rosa Wolken.
Nun begab es sich, dass sich zwischen dem Gesträuchs etwas fand, welches mein Leben auf alle Zeiten verändern sollte. In inniger Konzentration auf den bodennahen Mikrokosmos, zwischen Halmen und Ästchen und Krabbelgetier, gewahrte ich halb vergraben im erdigen Grund ein Ding, welches sich nach behutsamer Freilegung und sorgfältigem Entfernen angehefteter Schmutzpartikel ganz und gar und eindeutig als versteinerter Schmetterling herausstellte. Dass es sich bei diesem Fund um eine absolute Sensation handelte, war mir auf Anhieb bewusst. Zeitenwende.

In Folge entbrannte in heimischen Gefilden ein Expertenstreit. Die eine Seite behauptete, dieses Ding sei ein gewöhnlicher Feuerstein, Flint, kryptokristallines Siliziumdioxid, welches von seines an sich eher amorphem Äußeren den allzu phantasiebeladenen Geist einlade, nach Belieben versteinertes Irgendwas zu erkennen und mir zu Liebe auch einen sich aus anderer Dimension, in welcher das Raumgefüge mehrfach durch sich hindurch gekrümmt wäre, sich zu uns verflatterten Schmetterling. Jedem Kind ist ohne Zweifel klar, dass derartige Schwafelei nur Ausdruck hoffnungslosem Unverständnis gegenüber den Wundern ist, die uns umwelten.  Von anderer Seite an mich herangetragene Versuche der Einordnung dieses Dings erschienen zwar plausibler, wenngleich aufgrund fehlender Präzision in der Beschreibung beobachtbarer Vorgänge wiederum unbefriedigend. Schmetterling von böswilligem Zauberer versteinert? Schmetterling zu Zeiten des Permafrostes in Jahrtausende überdauernde Starre gefallen, um zu Zeiten eines allzu plötzlichen Klimawandels von einer Kriegsveteranin wachgeküsst in einen bierbäuchigen Weltenretter zurückverwandelt zu werden? Schmetterling in Mimikry, nur steinerner Schein, totgestellt, gegen Vogel und Feind und Schmetterlingsjäger? Wie sollte das Kind zwischen Sinn und Unsinn entscheiden? Was blieb, war die Sache selbst zu klären. Doch wie?

Ich begann Vergleichsmaterial zu sammeln. Anfänglich, mich noch in meiner Suche auf das Zusammentragen jeglichem tragbaren Gesteins und das Observieren des Schmetterlingsflugs und seiner Falterfreunde in freier Wildbahn beschränkend, zunehmend dann doch auch Schmetterlinge und allerlei Verwandtinsektoides zusammentragend, immer in freudiger Naherwartung, irgendwelchen Ver- und Entsteinerungen beizuwohnen, Tag und Nacht auf ein Klopfen eines Zauberers an meiner Zimmertür gefasst, schließlich über intensivem Studium der sich diesem Thema mehr oder weniger entfernt widmenden Literatur über Ursprung, Entwicklung und Vergehen von Gestein und Schmetterlingen und allem anderen zu dem Schluss gelangend, dass so gut wie alles als Vergleichsmaterial tauglich war und die Welt auf zauberhafte Art und Weise mit sich selbst verwandt.

Wenn man Forschungslaboratorien und Studierzimmer der elterlichen Heimstatt hinter sich lässt und hinauszieht, geben neue Lebensumstände selten Raum, all die Funde der Kinderjahre mit sich zu tragen. Zurück bleibt ein undurchdringbares Geflecht aus Dingen und Erinnerungen. Nun ist es nicht so, dass meine Eltern heute zwischen meinen zusammengetragenen Tierschädeln, Steinbrocken, Kristallstufen, eingelegten Schlangen, Fröschen und Nixen, Papageien und  Adlerfedern, teilsstaubigem Buch und Karten-material,  Haifischzähnen und neolithischen Pfeilspitzen, Prismen, Mikroskopen und Binokularen, Globen, Stern- und Stundengläsern, Pendel und Waagen und Messinstrumente, Physikalien- und Chemikaliensammlung (insbesondere Schwefel, Quecksilber und allerlei Säuren bereiteten meinem elterlichen Vorstand Kopfzerbrechen), Trockenblumen, Trommeln und Trilobiten, Traumfängern und Trickkisten und eben allerlei und dergleichen mehr Ihren Frühstückstoast einnehmen müssen. Nein. Nur eine Handvoll kurioser Exponate fand Ihr Refugium in geweihten Kartons, zwischen Kleidersäcken und Weihnachtsdekoration in den Katakomben etwa zweieinhalb Meter unter dem Frühstückstisch.

Denn es kam der Tag, da ich bemerkte, meine Sammlung sei doch vor der Haustür in aller Vollständigkeit vor mir ausgebreitet und sie nun sortiert nach drinnen in die Regale zu tragen ist in einem nicht mehrfach durch sich hindurch gekrümmten Raum ein Ding der Unmöglichkeit.

So habe ich dem Sortieren den Raum entzogen und es in mich verlegt. Ich mache mir keine Gedanken mehr über Achslast, Rucksackvolumen, freie Regalbretter und Garagenplatz und nehme doch stetig und immer, alles und jeden mit, wohin es mich auch führen mag. Schließlich kommt immer der Tag, an dem man begreift, dass alles seinen Platz hat, und dass der Zauber verfliegt, wenn man das Einzelne vom Ganzen trennt.
Ich sitze vor offenem Fenster und blicke hinaus über Giebeldächer und Baumkronen, über die Hügel die Wolken hinweg zum Mond, zu den Sternen und muss schmunzeln.

Über mir dreht sich das Mobile, Federn wiegen sich im Wind, neben mir liegt ein versteinerter Schmetterling.



 
 
 
 
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